Annie Ernaux, Die Jahre/ Les années (2008)

Sie ist eine der bekanntesten französischen Schriftstellerinnen überhaupt und erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur. Ihre Stimme hat Gewicht und sie ist nicht unumstritten. Es gibt also viele gute Gründe, sich mit ihrer Autobiografie, die bei ihrem Erscheinen im Jahr 2008 in Frankreich hohe Wellen schlug, zu beschäftigen. 

Was gleich zu Beginn des Buches auffällt, sind die langen Listen von Ereignissen, die aufgezählt werden, ohne in Sätze eingebettet zu sein. Dann schließt sich die Beschreibung des ersten Fotos eines Mädchens an, der noch diverse andere Bildbeschreibungen folgen werden. Die Autorin stellt ihr Leben von 1945 bis 2007 anhand von Bildern dar. Einerseits geht es um das Erwachsen- und später Älterwerden der Hauptperson, andererseits werden die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit genannt. Immer wiederkehrende Themen, die Ernaux offenbar viel bedeuten, sind dabei Konsum und Marketing sowie die Rolle der Frau in der Gesellschaft. 

Das eigentlich Besondere an dieser völlig neuartigen Autobiografie ist die neutrale, überaus sachliche Darstellung der Veränderungen. Die größten gesellschaftlichen Umwälzungen werden mit der gleichen Tonlosigkeit vorgestellt wie die körperlichen Veränderungen der Autorin, die sich selbst niemals in der ersten Person nennt, sondern immer in der dritten Person Singular, was den Abstand zum Geschehen noch vergrößert. Dieser Schreibstil und die Schilderung der vielen Jahre nehmen den Leser gefangen, der sich an manches erinnern wird und sich fragen wird, wie er selbst auf die Vorkommnisse reagiert hat. Es ist eine sehr besondere Lektüre, die ich nur empfehlen kann. 

Auch hier im Blog verändern sich Dinge. Nachdem ich nun 115 Bücher im zweiwöchigen Abstand vorgestellt habe, wird es ab jetzt monatlich immer am ersten Freitag eine Buchempfehlung geben. 

(04.10.2024)

Ähnliche Bücher:

Die Erzählweise brach mit den klassischen Gewohnheiten

Virginia Woolf, Zum Leuchtturm/To the Lighthouse (1927)

Nichts liegt mir ferner, als den berühmten Klassiker von Virginia Woolf als Sommerroman abzutun, aber ich habe ihn vor einigen Monaten wieder in der Hand gehabt und darin eben auch einen sehr sommerlichen Hintergrund vorgefunden. Daher habe ich To the Lighthouse, das mehrfach auf Listen der besten englischen Romane des vergangenen Jahrhunderts auftaucht, für das heutige hochsommerliche Datum ausgewählt. Dabei geht es hier nicht um unvergessliche Dialoge oder faszinierende Handlungsstränge, sondern die experimentelle Erzählweise war das eigentlich Besondere, als das in drei Teile gegliederte Buch vor fast 100 Jahren erschien. 

Weiterlesen