Einige verregnete Tage am Mondsee schienen mir in diesem Sommer der ideale Zeitpunkt, um Arno Geigers so bekannten wie hochgelobten Briefroman „Unter der Drachenwand“ zu lesen. Während es draußen immer wieder goss und die Drachenwand hinter dicken Wolken verschwand, kam die richtige Stimmung für diesen harten Stoff auf, der den ganzen Irrsinn des Zweiten Weltkriegs in den Jahren ab 1943 zeigt.
Gleich zu Beginn kommt ausgerechnet die Ukraine vor, einer der Hauptschauplätze des Kriegs. Hier wird der Protagonist, der Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, im Gefecht schwer verletzt und in ein Lazarett im Saarland gebracht. Von dort geht es nach Wien und dann an den Mondsee, wo Veit sich körperlich und nervlich vom Horror der Jahre an der Front erholen will. Im beschaulichen Mondsee lebt er sich durch unterschiedliche Begegnungen recht gut ein und sein Leben scheint erst einmal sicher. Er wird jedoch misstrauisch beäugt, sobald er wieder einigermaßen laufen kann und manchem wieder feldtauglich erscheint. Was von außen nicht sichtbar ist, ist sein Kriegstrauma, das ihn mit Panikattacken erschüttert und tablettenabhängig macht.
Geiger zeigt meisterhaft, wie der Krieg die Menschen verändert und entwurzelt, sie vorsichtig macht und Familienmitglieder, Nachbarn, Dorfbewohner gegeneinander aufbringt. In ihrem oft verzweifelten Versuch zu überleben, überschreiten sie Grenzen, verraten und verletzen sich gegenseitig und vereinsamen.
Das Besondere an diesem recht umfangreichen Roman ist für mich die Empathie, mit der Geiger sich in die Figuren hineinversetzt. Stilistisch bemerkenswert finde ich die Schrägstriche, mit denen er immer wieder arbeitet und Äußerungen verknappt. Es ist insgesamt ein Werk, das sicher viele Leser packt - und das nicht nur am Mondsee.
(08.08.2025)