Ich nehme den 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins hier zum Anlass, eine aktuelle Biographie zu diesem großen deutschen Klassiker vorzustellen. Hölderlin war Einzelgänger und lange recht unbekannt. Er wurde erst spät entdeckt und angemessen gewürdigt. Der deutsche Philosoph, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Rüdiger Safranski hat in der Vergangenheit bereits viel beachtete Werke zu anderen großen Dichtern vorgelegt. 2019 erschien dieses Buch rechtzeitig zum Jubiläumsjahr.

Safranski beginnt seine Darstellung ganz klassisch mit der Herkunft des Dichters: Hölderlin entstammte der schwäbischen „Ehrbarkeit“, dem gehobenen Mittelstand, aus dem die evangelische Landeskirche ihren Nachwuchs rekrutierte. So lag es nahe, dass Hölderlins Mutter, selbst Pfarrerstochter, für ihn das Theologiestudium als den logischen nächsten Schritt nach Latein- und Klosterschule vorsah. Im Tübinger Stift lernte Hölderlin Hegel und Schelling kennen, eine für alle drei entscheidende Begegnung. Nach dem Studium ging Hölderlin den vorgeschriebenen Weg dann nicht weiter, sondern nahm eine erste Stelle als Hauslehrer an.

Er wurde jedoch weder hier noch an anderen Stationen seines Lebens glücklich. Safranski zeigt ein rastloses Dasein nach dem vielversprechenden Beginn eines schönes jungen Mannes, der die Herzen der Frauen für sich gewinnen konnte und dann ohne erkennbaren Grund das Weite suchte.

Viele Zitate aus Hölderlins Werk verdichten sich zum Bild einer tragischen, zerrissenen Figur am Aufbruch der Moderne, die nicht zur Ruhe kam, schließlich krank im Turm in Tübingen endete und dort über 30 Jahre bis zu seinem Tod 1843 mit einer Krankheit lebte, die bis heute unklar geblieben ist. Ich finde diese aufwendig recherchierte Biographie nicht wirklich begeisternd und vermisse etwas den Esprit des Dichters. Der Eindruck eines großen, nicht voll ausgelebten Potenzials bleibt jedoch haften ebenso wie die Frage, was genau Hölderlins Isolation in seiner zweiten Lebenshälfte auslöste.

(02.10.2020)