Nichts liegt mir ferner, als den berühmten Klassiker von Virginia Woolf als Sommerroman abzutun, aber ich habe ihn vor einigen Monaten wieder in der Hand gehabt und darin eben auch einen sehr sommerlichen Hintergrund vorgefunden. Daher habe ich To the Lighthouse, das mehrfach auf Listen der besten englischen Romane des vergangenen Jahrhunderts auftaucht, für das heutige hochsommerliche Datum ausgewählt. Dabei geht es hier nicht um unvergessliche Dialoge oder faszinierende Handlungsstränge, sondern die experimentelle Erzählweise war das eigentlich Besondere, als das in drei Teile gegliederte Buch vor fast 100 Jahren erschien. 

Der erste Teil beginnt mit der Enttäuschung des kleinen James, der sich auf eine Bootstour vom Sommerhaus der Familie Ramsay auf der schottischen Isle of Sky zum Leuchtturm freut. Sein Vater macht ihn barsch darauf aufmerksam, dass die Tour wegen schlechten Wetters am Folgetag nicht möglich sein wird, was dann tatsächlich so eintritt. Die Mutter Mrs Ramsay hingegen ist eine sehr mitfühlende Frau, die ständig versucht, Menschen zusammenzuführen, was ihr angesichts der Spannungen in der Familie oft nicht gelingt. 

Es vergehen im Laufe des Buches 10 Jahre, bis es 1920 endlich zur Fahrt zum Leuchtturm kommt. Bis dahin bietet Woolf dem Leser auf mehreren zeitlichen Ebenen Gedanken und Eindrücke an und beschreibt bruchstückhaft aus unterschiedlichen Perspektiven Gefühle und Beobachtungen. Diese Technik des "Bewusstseinsstroms", die auch Marcel Proust und James Joyce nutzten, brach mit der klassischen Erzählweise und macht auch heute noch das Lesen nicht eben einfach. Dennoch empfehle ich diese dichte Schilderung des Innenlebens mehrerer Personen besonders allen, die sich gerne einmal Zeit für ein Leseexperiment nehmen wollen.  

(06.08.2021)