Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Virginia Woolf, Zum Leuchtturm/To the Lighthouse (1927)

Nichts liegt mir ferner, als den berühmten Klassiker von Virginia Woolf als Sommerroman abzutun, aber ich habe ihn vor einigen Monaten wieder in der Hand gehabt und darin eben auch einen sehr sommerlichen Hintergrund vorgefunden. Daher habe ich To the Lighthouse, das mehrfach auf Listen der besten englischen Romane des vergangenen Jahrhunderts auftaucht, für das heutige hochsommerliche Datum ausgewählt. Dabei geht es hier nicht um unvergessliche Dialoge oder faszinierende Handlungsstränge, sondern die experimentelle Erzählweise war das eigentlich Besondere, als das in drei Teile gegliederte Buch vor fast 100 Jahren erschien. 

Philippe Sands, Rückkehr nach Lemberg/East West Street (2016)

Gestern war ich im neuen Jüdischen Museum in Frankfurt, das nach der langen Schließung durch die Pandemie endlich für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Das Museum verfügt über einen gut sortierten Buchladen, in dem mir sofort dieses Buch auffiel, das ich gerade gelesen habe. Wenn es noch einer Erinnerung bedurft hätte, dass ich dieses Werk hier vorstellen möchte, dann wäre es mir spätestens in diesem Moment klar geworden. Denn es ist ein ganz faszinierendes Buch, eine Mischung aus Familien- und Rechtsgeschichte mit dem deutschen Untertitel Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit; eine persönliche Geschichte.

Ronya Othmann, Die Sommer (2020)

Manche Bücher werden von der Kritik sehr positiv aufgenommen und erhalten diverse Preise. Doch nicht jeder Leser muss das nachvollziehen können. So erging es mir mit dem vielgepriesenen Debütroman von Ronya Othmann Die Sommer, der sich um den Syrienkrieg dreht. 

Leyla, Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdischen Vaters, weiß nicht recht, ob sie eher deutsch oder kurdisch ist. Die Familie bricht jeden Sommer von Bayern aus auf und reist in das Dorf der Großeltern in Nordsyrien, nahe der Türkei.

Richard Russo, Jenseits der Erwartungen/Chances are (2019)

Jahrzehnte nach ihrem Collegeabschluss treffen sich drei Studienfreunde auf Martha’s Vineyard, um gemeinsam ein Wochenende zu verbringen. Sie sind in den vergangenen 45 Jahren ganz unterschiedliche Wege gegangen und für keinen von ihnen ist alles so gekommen, wie er es sich vorgestellt hatte. Alle drei waren bei ihrem gemeinsamen Ausflug im Jahr 1971 in dasselbe Mädchen verliebt, das damals spurlos verschwand.

Marco Balzano, Ich bleibe hier/Resto qui (2017)

Diese Woche war der italienische Nationalfeiertag und es wurde des 75jährigen Bestehens der italienischen Republik gedacht. Das scheint mir ein geeigneter Anlass zu sein, um hier einmal ein Buch aus Italien vorzustellen. Der Mailänder Autor Balzano ist in seiner Heimat ein recht bekannter Schriftsteller, der schon einige Bücher veröffentlicht hat, und unterrichtet italienische Literatur. Auch die Hauptfigur dieses Romans ist Lehrerin, wenn auch in einem Dorf in Südtirol und oft nur heimlich. Denn sie beugt sich nicht den wechselnden Machthabern, weder den Faschisten noch den Nationalsozialisten. Zudem weigert sie sich, die Sprache zu wechseln, die einen großen Teil ihrer Identität darstellt.