Ich tausche mich gerne über Bücher aus, empfehle Titel und nehme Empfehlungen anderer auf. Als ich vor Jahren mit meiner Arbeit zur Lese-Rechtschreibschwäche begann, entstand gleichzeitig mein Bücherblog „Das Freitagsbuch“. In loser Folge stelle ich seitdem an Freitagen hier ein Buch vor: einen Roman oder ein Fachbuch für Erwachsene und ab und zu auch für junge Leser. Ich biete eine große Bandbreite an und folge dabei meinem persönlichen Bewertungssystem von "6 Bücher" für "einfach wunderbar" bis zu "1 Buch" für "lieber etwas anderes lesen".
Tania Blixen, Babettes Fest/Babette’s Feast (1950)
Ein Traum wird wahr
Mit wie vielen Personen aus wie vielen Haushalten auch immer wir die kommenden Festtage in diesem besonderen Jahr begehen werden, es wird sicherlich ein feierliches Essen an einer festlich gedeckten Tafel geben. Dass gemeinsamer Genuss Menschen zusammenbringt und eine besondere Atmosphäre schaffen kann, ist oft thematisiert worden, aber selten so sinnenfreudig inszeniert worden wie in meiner nun folgenden Leseempfehlung.
Tania Blixen ist vielen nur durch ihr episches Jenseits von Afrika/Out of Africa (1937) bekannt, hat aber viel mehr geschrieben, das sich zu lesen lohnt, u.a. diese Geschichte.
Die französische Meisterköchin Babette Hersant verschlägt es in das entlegene norwegische Dorf Berlevaag, wo sie ein unspektakuläres Leben im Haushalt zweier alter Damen führt. Eines Tages gewinnt sie überraschend in der französischen Lotterie und beschließt, ein exquisites Gastmahl für zwölf Gäste zu kochen.
Nicole Krauss, Die Geschichte der Liebe/The History of Love (2006)
Ein Manuskript in der Hauptrolle
Es ist derzeit viel von alten Menschen zu lesen, die sich kaum trauen, das Haus zu verlassen, weil sie sich vor dem Coronavirus fürchten. Das ist ebenso nachvollziehbar wie traurig und ließ mich an die Figur des Polen Leo Gursky denken, der einsam in seiner Wohnung lebt und fast keine Außenkontakte hat. Die New Yorker Autorin Nicole Krauss hat diesen alleinstehenden polnischen Juden erfunden, der vor 60 Jahren ein Buch für die Frau seines Lebens geschrieben hat, das er verschollen glaubt.
Ali Smith, Es hätte mir genauso/There but for the (2011)
Einfach schräg
In einer Zeit voller Einschränkungen fühlen sich viele isoliert und leiden darunter. Dass es Menschen geben kann, die Kontakt freiwillig vermeiden und sich einer Gruppe entziehen, beweist dieser Roman. Er kam mir neulich wieder in den Sinn, als die nächste Runde von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bekannt wurde. Hier kommt ein Gast zum Abendessen und geht nicht mehr. Was ein netter Abend werden soll, führt zu einer Dauerblockade des Gästezimmers.
Ali Smith ist Schottin und hat bereits eine Reihe von Büchern geschrieben, die ihr in anderen Ländern bislang deutlich mehr Bekanntheit gebracht haben als in Deutschland. Dabei hat sie sehr ungewöhnliche Ideen, wofür auch dieser Roman ein Beispiel ist.
Laura Spinney, 1918 - Die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte/Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World (2017)
Alles schon einmal dagewesen?
Das Phänomen „Spanische Grippe“ war bis vor kurzem nur in Fachkreisen näher bekannt und geriet erst durch die CORONA-Krise plötzlich in den Fokus. Als die britische Wissenschaftsjournalistin und Romanautorin Laura Spinney 2017 dieses Buch veröffentlichte, war noch nicht zu ahnen, wie wichtig ihre Erkenntnisse bald werden würden. Spinney legte ein sehr umfangreiches Werk vor, in dem es um die Auswirkungen der Spanischen Grippe überall auf der Welt und in allen Lebensbereichen ging.
Anne Reinecke, Leinsee (2018)
Leuchtende Farben gegen den Herbstblues
Wir leben in einer Zeit ständiger schlechter Nachrichten und so habe ich mich heute dazu entschieden, hier etwas bewusst Positives vorzustellen. Zudem erfreut mich eine Zahl, die im Rahmen der Frankfurter „Buchmesse“ fiel, wenn man diese Veranstaltung so nennen kann. Hatte das Minus des Buchhandels und der Verlage direkt nach dem Lockdown noch bei 15% gelegen, so sind es jetzt nur noch 4,3 % im Verhältnis zum Vorjahreszeitraum. Ein Grund mehr, sich an der Literatur zu erfreuen, und hier kommt mein heutiger Beitrag dazu.
Der junge Künstler Karl ist früh bekannt geworden und hat bereits große Erfolge gefeiert. Dabei hat er bewusst seine Herkunft verschwiegen: Seine Eltern sind das exzentrische Künstlerpaar August und Ada Stiegenhauer. Vater und Mutter waren immer so auf sich und ihre Kunst fixiert, dass für Karl kein Platz war und er in Internate abgeschoben wurde. Sein Verhältnis zu seinen Eltern ist entsprechend schlecht und er sieht sie kaum noch.