Ich tausche mich gerne über Bücher aus, empfehle Titel und nehme Empfehlungen anderer auf. Als ich vor Jahren mit meiner Arbeit zur Lese-Rechtschreibschwäche begann, entstand gleichzeitig mein Bücherblog „Das Freitagsbuch“. In loser Folge stelle ich seitdem an Freitagen hier ein Buch vor: einen Roman oder ein Fachbuch für Erwachsene und ab und zu auch für junge Leser. Ich biete eine große Bandbreite an und folge dabei meinem persönlichen Bewertungssystem von "6 Bücher" für "einfach wunderbar" bis zu "1 Buch" für "lieber etwas anderes lesen".
Benjamin Myers, Offene See/The Offing (2019)
Eine prägende Begegnung
Kürzlich meldete der Börsenverein, dass der Umsatz des stationären Buchhandels 2020 um 8,7% zurückgegangen sei. Nach einer recht schnellen Erholung vom ersten Lockdown und einem starken Beginn des Weihnachtsgeschäfts habe der zweite Lockdown plötzlich viele Hoffnungen zunichte gemacht. Anders als im Frühjahr 2020 ist es jetzt jedoch fast überall erlaubt, im Laden vorbestellte Bücher abzuholen. Wer also Lust hat, direkt mit der Lektüre meines heutigen Freitagsbuches zu beginnen, kann das tun.
Das Leben des jungen Robert in der englischen Bergbauregion Durham in den vierziger Jahren scheint vorgezeichnet zu sein: Er soll Bergarbeiter werden wie alle Männer seiner Familie. Er hinterfragt dies zunächst nicht, obwohl er sich eigentlich nach der Weite der offenen See sehnt. Er hält die Arbeit unter Tage nicht lange aus, bricht aus den engen Verhältnissen seiner Familie aus und begibt sich auf eine Wanderung ans Meer. Dabei trifft er eine Frau in einem Cottage, die ihn zum Tee einlädt und ihn mit ihren unkonventionellen Ideen überrascht. Er bietet ihr seine Hilfe in Haus und Garten an und bleibt eine Zeit bei ihr. Diese Begegnung wird den Verlauf seines Lebens stärker prägen als alles, was er bis dahin erfahren hat.
Juli Zeh, Neujahr (2018)
Wenn einen die eigene Kindheit einholt
Wenn Neujahr auf einen Freitag fällt, der haargenau in meinen 14-Tage-Rhythmus passt, dann führt für mich kein Weg an diesem Buch vorbei. Juli Zeh ist seit vielen Jahren außerordentlich erfolgreich und durch Bestseller wie Unterleuten, Schilf und – derzeit besonders häufig erwähnt – Corpus Delicti: Ein Prozess sehr vielen Lesern bekannt. Die promovierte Juristin ist politisch engagiert, Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg und Mutter von zwei Kindern. Das klingt nach jemandem, der stark beschäftigt ist. So geht es auch dem Protagonisten von Neujahr.
Henning ist ein moderner Vater, der sich mit seiner Frau die Haus- und Familienarbeit teilt. Beide sind berufstätig und haben kleine Kinder. Seit der Geburt des zweiten Kindes überschatten Panikattacken Hennings Leben und er kommt nicht mehr zur Ruhe. Während eines Urlaubs auf Lanzarote bricht er am Neujahrsmorgen mit dem Rad auf, um etwas allein zu sein. Er quält sich stundenlang einen Berg hinauf und erreicht ein einsames Haus. Dort wird ihm schlagartig klar, dass er als Kind schon einmal auf der Insel war.
Tania Blixen, Babettes Fest/Babette’s Feast (1950)
Ein Traum wird wahr
Mit wie vielen Personen aus wie vielen Haushalten auch immer wir die kommenden Festtage in diesem besonderen Jahr begehen werden, es wird sicherlich ein feierliches Essen an einer festlich gedeckten Tafel geben. Dass gemeinsamer Genuss Menschen zusammenbringt und eine besondere Atmosphäre schaffen kann, ist oft thematisiert worden, aber selten so sinnenfreudig inszeniert worden wie in meiner nun folgenden Leseempfehlung.
Tania Blixen ist vielen nur durch ihr episches Jenseits von Afrika/Out of Africa (1937) bekannt, hat aber viel mehr geschrieben, das sich zu lesen lohnt, u.a. diese Geschichte.
Die französische Meisterköchin Babette Hersant verschlägt es in das entlegene norwegische Dorf Berlevaag, wo sie ein unspektakuläres Leben im Haushalt zweier alter Damen führt. Eines Tages gewinnt sie überraschend in der französischen Lotterie und beschließt, ein exquisites Gastmahl für zwölf Gäste zu kochen.
Nicole Krauss, Die Geschichte der Liebe/The History of Love (2006)
Ein Manuskript in der Hauptrolle
Es ist derzeit viel von alten Menschen zu lesen, die sich kaum trauen, das Haus zu verlassen, weil sie sich vor dem Coronavirus fürchten. Das ist ebenso nachvollziehbar wie traurig und ließ mich an die Figur des Polen Leo Gursky denken, der einsam in seiner Wohnung lebt und fast keine Außenkontakte hat. Die New Yorker Autorin Nicole Krauss hat diesen alleinstehenden polnischen Juden erfunden, der vor 60 Jahren ein Buch für die Frau seines Lebens geschrieben hat, das er verschollen glaubt.
Ali Smith, Es hätte mir genauso/There but for the (2011)
Einfach schräg
In einer Zeit voller Einschränkungen fühlen sich viele isoliert und leiden darunter. Dass es Menschen geben kann, die Kontakt freiwillig vermeiden und sich einer Gruppe entziehen, beweist dieser Roman. Er kam mir neulich wieder in den Sinn, als die nächste Runde von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bekannt wurde. Hier kommt ein Gast zum Abendessen und geht nicht mehr. Was ein netter Abend werden soll, führt zu einer Dauerblockade des Gästezimmers.
Ali Smith ist Schottin und hat bereits eine Reihe von Büchern geschrieben, die ihr in anderen Ländern bislang deutlich mehr Bekanntheit gebracht haben als in Deutschland. Dabei hat sie sehr ungewöhnliche Ideen, wofür auch dieser Roman ein Beispiel ist.