Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Anne Weber, Annette, ein Heldinnenepos (2020)

Dass im Jahr 2020 der Deutsche Buchpreis an ein Epos, zudem an ein „Heldinnenepos“, ging, fand ich so bemerkenswert, dass ich das Buch der seit langem in Frankreich lebenden Deutschen Anne Weber gerade gelesen habe. Beim Lesen wurde mir sofort klar, was auch die Kritik allgemein lobt: Es handelt sich hier um das sehr ungewöhnliche und lange Leben einer real existierenden Person, das in Versform ohne Reim in einer originellen freien Sprache mit Einschüben, Fragen und Unterbrechungen dargestellt wird.

Anne Weber kennt die Heldin Anne Beaumanoir persönlich und hat die mittlerweile über Neunzigjährige mehrfach getroffen. Sie ist zweifelsohne eine ausgesprochen mutige Frau, die schon mit 19 in die Résistance gegen die deutschen Besatzer eintritt und Juden vor dem Tod rettet. Sie verliert noch im Krieg den Vater ihres ersten Kindes, das sie abtreiben lässt.

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune (2017)

Wir leben seit weit über einem Jahr mit vielen Einschränkungen, Verboten, Unsicherheiten und Ängsten. Da ist es nur logisch, dass es um die allgemeine Stimmung nicht gerade bestens steht. So war ich sehr überrascht, als ich neulich auf dieses Buch stieß. Ich konnte mir nicht vorstellen, was an schlechter Laune lobenswert sein soll, liefern wir uns doch täglich gegenseitig viel Anschauungsmaterial, das ich nicht als positiv empfinde. So begann ich die Lektüre skeptisch, aber neugierig.
Die Autorin hat viele Jahre in Wien gelebt, wo sie das "Granteln" kennenlernte, und wohnt jetzt in Berlin, wo offensiv vorgetragener Missmut schon immer als "Berliner Schnauze" verbrämt wurde. Auf fast 300 Seiten wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet und dadurch tatsächlich klar, warum in schlechter Laune auch ein gewisses Potenzial liegen kann. 

Robert Seethaler, Der letzte Satz (2020)

Wenn der Welttag des Buches auf einen Freitag fällt, der zudem in meinen zweiwöchentlichen Rhythmus passt, dann sind das gleich zwei gute Gründe, hier ein Buch vorzustellen und mit ihm auf eine Reise zu gehen, eine Schiffsreise, um genau zu sein. Alle sprechen derzeit intensiv über Krankheiten, so dass ein Griff nach diesem kurzen Roman naheliegend ist. Schließlich geht es hier um den herzkranken Gustav Mahler, der 1910 auf einer Überfahrt von New York nach Europa aufs Meer blickt und zwischen Fieberschüben über sein Leben nachsinnt. 

Laetitia Colombani, Der Zopf / La Tresse (2017)

Seit einem Jahr ist vieles anders, auch die Wahrnehmung des Friseurhandwerks in der Öffentlichkeit. Jedenfalls wird sehr viel darüber gesprochen und so wurden die Friseursalons noch vor den Schulen wiedereröffnet. Die Begründung, die ausgerechnet ein männlicher Politiker dafür vorbrachte, war, Haare hätten nicht nur mit Hygiene, sondern auch mit Würde zu tun. Das schien mir zunächst sehr übertrieben, doch dann fiel mir der Roman "Der Zopf" wieder ein, ein Debütroman, der in Windeseile zu einem internationalen Riesenerfolg und in fast 30 Sprachen übersetzt wurde. So kam ich dazu, dieses Buch zu lesen, in dem die Autorin Laetitia Colombani in drei Geschichten zeigt, dass Haare tatsächlich eine ganz große Rolle spielen können, z.B. wenn sie durch eine Chemotherapie ausfallen oder in einem Tempel geopfert werden.

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken (2014)

Israel ist derzeit durch seine effiziente Impfkampagne in aller Munde und viele richten den Blick auf dieses kleine Land mit seinem modernen Gesundheitssystem. So fiel mir dieser Roman auf, dessen Protagonist Etan Grien ein israelischer Neurochirurg ist. Er fährt nach einem langen Tag in der Klinik eines Nachts einen Mann aus Eritrea an. Dieser illegale Einwanderer wird sterben, wie Etan mit geübtem Blick sofort sieht, und keiner hat den nächtlichen Unfall beobachtet - zumindest scheint es so. Etan begeht Fahrerflucht, doch am nächsten Morgen steht die Frau des Eritreers vor seiner Tür und erpresst ihn. Er soll nachts Flüchtlinge in einer alten Werkstatt medizinisch versorgen oder sie wird seine Tat anzeigen. Etans Leben droht aus den Fugen zu geraten.