Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Ralf Rothmann, Hotel der Schlaflosen: Erzählungen (2020)

Auch nach einem Jahr Corona sprechen viele Menschen davon, dass sie Angst haben: Angst vor Ansteckung, vor wirtschaftlichen Verlusten oder immer neuen Mutationen mit unabsehbaren Auswirkungen auf unseren Alltag. Da fiel mir neulich dieser Erzählband von Ralf Rothmann zum Thema Angst in die Hände.

Diese Geschichten lassen den Leser nicht kalt. Sie gehen unter die Haut, gerade weil wohl jeder das Gefühl der Angst kennt, ob aus Kindertagen oder aus Ausnahmesituationen im Erwachsenenleben. Rothmann gelingt es, elf verschiedene Ängste so zu beschreiben, dass sofort spürbar ist, was die betroffenen Personen durchmachen. Dabei spannt er den Bogen von der Stalinzeit in der besonders erschütternden Titelgeschichte bis zur Jetztzeit.

Paul Maar, Wie alles kam: Roman meiner Kindheit (2020)

Ein Jahr Pandemie - man würde meinen, ein Jahr voller Lesen. Das kann man aber so generell nicht festhalten, da das vergangene Buchjahr nicht einfach zu analysieren ist. Klar ist jedoch, dass erheblich mehr Kinder- und Jugendbücher gekauft wurden als sonst: Im Jahr 2020 wurden 4,9% mehr Bücher in diesem Segment gekauft. Ein Grund mehr, sich hier einmal einem der beliebtestesn und bekanntesten Autoren dieses Bereichs zuzuwenden, Paul Maar. Vor wenigen Monaten erschien die Geschichte seiner Kindheit und das Buch wurde allgemein wohlwollend aufgenommen, was mich zunächst sehr verwundert hat. Selten habe ich ein Buch eines so bekannten Autoren gelesen, das derart schlicht geschrieben ist und eine Geschichte erzählt, die so typisch ist für eine ganze Generation.

Anatol Regnier, Jeder schreibt für sich allein: Schriftsteller im Nationalsozialismus (2020)

Vor einigen Wochen bekam ich überraschend diesen aktuellen Titel geschenkt, den ich mir wahrscheinlich nicht selbst gekauft hätte, zumindest nicht in der Pandemie. Denn ich vermutete düsteren Stoff dahinter, was nur zum Teil stimmt. Anatol Regniers Familiengeschichte ist eng mit der von Künstlern und Schriftstellern in der Zeit des Nationalsozialismus verwoben. Seine Großmutter Tilly war lange mit Gottfried Benn liiert und seine Mutter Pamela mit Klaus Mann verlobt und Schauspielerin unter Gustaf Gründgens.

Isabel Allende, Der japanische Liebhaber/El amante japonés (2015)

In Zeiten wie diesen, in denen die meisten Menschen wenig Interessantes zu erzählen haben, stieß ich auf einen Roman der wunderbaren Isabel Allende, der „grande dame“ der lateinamerikanischen Literatur. Ihre Welterfolge Das Geisterhaus oder Eva Luna kennt fast jeder, aber dieses späte Werk, in das viel Lebens- und Schreiberfahrung eingeflossen ist, scheint mir nicht ganz so bekannt.

Benjamin Myers, Offene See/The Offing (2019)

Kürzlich meldete der Börsenverein, dass der Umsatz des stationären Buchhandels 2020 um 8,7% zurückgegangen sei. Nach einer recht schnellen Erholung vom ersten Lockdown und einem starken Beginn des Weihnachtsgeschäfts habe der zweite Lockdown plötzlich viele Hoffnungen zunichte gemacht. Anders als im Frühjahr 2020 ist es jetzt jedoch fast überall erlaubt, im Laden vorbestellte Bücher abzuholen. Wer also Lust hat, direkt mit der Lektüre meines heutigen Freitagsbuches zu beginnen, kann das tun.

Das Leben des jungen Robert in der englischen Bergbauregion Durham in den vierziger Jahren scheint vorgezeichnet zu sein: Er soll Bergarbeiter werden wie alle Männer seiner Familie. Er hinterfragt dies zunächst nicht, obwohl er sich eigentlich nach der Weite der offenen See sehnt. Er hält die Arbeit unter Tage nicht lange aus, bricht aus den engen Verhältnissen seiner Familie aus und begibt sich auf eine Wanderung ans Meer. Dabei trifft er eine Frau in einem Cottage, die ihn zum Tee einlädt und ihn mit ihren unkonventionellen Ideen überrascht. Er bietet ihr seine Hilfe in Haus und Garten an und bleibt eine Zeit bei ihr. Diese Begegnung wird den Verlauf seines Lebens stärker prägen als alles, was er bis dahin erfahren hat.