Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Juli Zeh, Neujahr (2018)

Wenn Neujahr auf einen Freitag fällt, der haargenau in meinen 14-Tage-Rhythmus passt, dann führt für mich kein Weg an diesem Buch vorbei. Juli Zeh ist seit vielen Jahren außerordentlich erfolgreich und durch Bestseller wie Unterleuten, Schilf und – derzeit besonders häufig erwähnt – Corpus Delicti: Ein Prozess sehr vielen Lesern bekannt. Die promovierte Juristin ist politisch engagiert, Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg und Mutter von zwei Kindern. Das klingt nach jemandem, der stark beschäftigt ist. So geht es auch dem Protagonisten von Neujahr.

Henning ist ein moderner Vater, der sich mit seiner Frau die Haus- und Familienarbeit teilt. Beide sind berufstätig und haben kleine Kinder. Seit der Geburt des zweiten Kindes überschatten Panikattacken Hennings Leben und er kommt nicht mehr zur Ruhe. Während eines Urlaubs auf Lanzarote bricht er am Neujahrsmorgen mit dem Rad auf, um etwas allein zu sein. Er quält sich stundenlang einen Berg hinauf und erreicht ein einsames Haus. Dort wird ihm schlagartig klar, dass er als Kind schon einmal auf der Insel war.

Tania Blixen, Babettes Fest/Babette’s Feast (1950)

Mit wie vielen Personen aus wie vielen Haushalten auch immer wir die kommenden Festtage in diesem besonderen Jahr begehen werden, es wird sicherlich ein feierliches Essen an einer festlich gedeckten Tafel geben. Dass gemeinsamer Genuss Menschen zusammenbringt und eine besondere Atmosphäre schaffen kann, ist oft thematisiert worden, aber selten so sinnenfreudig inszeniert worden wie in meiner nun folgenden Leseempfehlung. 

Tania Blixen ist vielen nur durch ihr episches Jenseits von Afrika/Out of Africa (1937) bekannt, hat aber viel mehr geschrieben, das sich zu lesen lohnt, u.a. diese Geschichte.

Die französische Meisterköchin Babette Hersant verschlägt es in das entlegene norwegische Dorf Berlevaag, wo sie ein unspektakuläres Leben im Haushalt zweier alter Damen führt. Eines Tages gewinnt sie überraschend in der französischen Lotterie und beschließt, ein exquisites Gastmahl für zwölf Gäste zu kochen.

Nicole Krauss, Die Geschichte der Liebe/The History of Love (2006)

Es ist derzeit viel von alten Menschen zu lesen, die sich kaum trauen, das Haus zu verlassen, weil sie sich vor dem Coronavirus fürchten. Das ist ebenso nachvollziehbar wie traurig und ließ mich an die Figur des Polen Leo Gursky denken, der einsam in seiner Wohnung lebt und fast keine Außenkontakte hat. Die New Yorker Autorin Nicole Krauss hat diesen alleinstehenden polnischen Juden erfunden, der vor 60 Jahren ein Buch für die Frau seines Lebens geschrieben hat, das er verschollen glaubt. 

Ali Smith, Es hätte mir genauso/There but for the (2011)

In einer Zeit voller Einschränkungen fühlen sich viele isoliert und leiden darunter. Dass es Menschen geben kann, die Kontakt freiwillig vermeiden und sich einer Gruppe entziehen, beweist dieser Roman. Er kam mir neulich wieder in den Sinn, als die nächste Runde von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bekannt wurde. Hier kommt ein Gast zum Abendessen und geht nicht mehr. Was ein netter Abend werden soll, führt zu einer Dauerblockade des Gästezimmers. 

Ali Smith ist Schottin und hat bereits eine Reihe von Büchern geschrieben, die ihr in anderen Ländern bislang deutlich mehr Bekanntheit gebracht haben als in Deutschland. Dabei hat sie sehr ungewöhnliche Ideen, wofür auch dieser Roman ein Beispiel ist.

Laura Spinney, 1918 - Die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte/Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World (2017)

Das Phänomen „Spanische Grippe“ war bis vor kurzem nur in Fachkreisen näher bekannt und geriet erst durch die CORONA-Krise plötzlich in den Fokus. Als die britische Wissenschaftsjournalistin und Romanautorin Laura Spinney 2017 dieses Buch veröffentlichte, war noch nicht zu ahnen, wie wichtig ihre Erkenntnisse bald werden würden. Spinney legte ein sehr umfangreiches Werk vor, in dem es um die Auswirkungen der Spanischen Grippe überall auf der Welt und in allen Lebensbereichen ging.