Kürzlich meldete der Börsenverein, dass der Umsatz des stationären Buchhandels 2020 um 8,7% zurückgegangen sei. Nach einer recht schnellen Erholung vom ersten Lockdown und einem starken Beginn des Weihnachtsgeschäfts habe der zweite Lockdown plötzlich viele Hoffnungen zunichte gemacht. Anders als im Frühjahr 2020 ist es jetzt jedoch fast überall erlaubt, im Laden vorbestellte Bücher abzuholen. Wer also Lust hat, direkt mit der Lektüre meines heutigen Freitagsbuches zu beginnen, kann das tun.

Das Leben des jungen Robert in der englischen Bergbauregion Durham in den vierziger Jahren scheint vorgezeichnet zu sein: Er soll Bergarbeiter werden wie alle Männer seiner Familie. Er hinterfragt dies zunächst nicht, obwohl er sich eigentlich nach der Weite der offenen See sehnt. Er hält die Arbeit unter Tage nicht lange aus, bricht aus den engen Verhältnissen seiner Familie aus und begibt sich auf eine Wanderung ans Meer. Dabei trifft er eine Frau in einem Cottage, die ihn zum Tee einlädt und ihn mit ihren unkonventionellen Ideen überrascht. Er bietet ihr seine Hilfe in Haus und Garten an und bleibt eine Zeit bei ihr. Diese Begegnung wird den Verlauf seines Lebens stärker prägen als alles, was er bis dahin erfahren hat.

Ich gebe zu, dass mir zunächst beim Lesen nicht klar war, wieso ausgerechnet dieses Buch so begeistert (in Deutschland) aufgenommen wurde, fand ich doch vieles eher kitschig. Nach den ersten Kapiteln nimmt einen die Geschichte mit ihren präzisen Landschaftsbeschreibungen und der Horizonterweiterung des jungen Protagonisten jedoch gefangen.

Das Buch enthält eine sehr besondere Widmung, die ich hier gerne zitiere: „The bulk of The Offing was written in libraries by hand, using pen and paper. This book is dedicated to librarians everywhere, and to booksellers and teachers, and all who work towards sharing a passion for the power of the written word.“

Und das schreibt nicht etwa ein alter Herr, der ohne Computer aufwuchs, sondern ein 1976 geborener erfolgreicher Schriftsteller. Spätestens nach dem Lesen dieser Widmung wird klar, warum der Roman im November 2020 zum Lieblingsbuch der Unabhängigen (Buchhandlungen) gekürt wurde. Es ist eine Hommage an die Kraft des geschriebenen Wortes.

(15.1.2021)