Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Andrea Gerk (2017), Lob der schlechten Laune

Wir leben seit weit über einem Jahr mit vielen Einschränkungen, Verboten, Unsicherheiten und Ängsten. Da ist es nur logisch, dass es um die allgemeine Stimmung nicht gerade bestens steht. So war ich sehr überrascht, als ich neulich auf dieses Buch stieß. Ich konnte mir nicht vorstellen, was an schlechter Laune lobenswert sein soll, liefern wir uns doch täglich gegenseitig viel Anschauungsmaterial, das ich nicht als positiv empfinde. So begann ich die Lektüre skeptisch, aber neugierig.
Die Autorin hat viele Jahre in Wien gelebt, wo sie das "Granteln" kennenlernte, und wohnt jetzt in Berlin, wo offensiv vorgetragener Missmut schon immer als "Berliner Schnauze" verbrämt wurde. Auf fast 300 Seiten wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet und dadurch tatsächlich klar, warum in schlechter Laune auch ein gewisses Potenzial liegen kann. 

Robert Seethaler, Der letzte Satz (2020)

Wenn der Welttag des Buches auf einen Freitag fällt, der zudem in meinen zweiwöchentlichen Rhythmus passt, dann sind das gleich zwei gute Gründe, hier ein Buch vorzustellen und mit ihm auf eine Reise zu gehen, eine Schiffsreise, um genau zu sein. Alle sprechen derzeit intensiv über Krankheiten, so dass ein Griff nach diesem kurzen Roman naheliegend ist. Schließlich geht es hier um den herzkranken Gustav Mahler, der 1910 auf einer Überfahrt von New York nach Europa aufs Meer blickt und zwischen Fieberschüben über sein Leben nachsinnt. 

Laetitia Colombani, Der Zopf / La Tresse (2017)

Seit einem Jahr ist vieles anders, auch die Wahrnehmung des Friseurhandwerks in der Öffentlichkeit. Jedenfalls wird sehr viel darüber gesprochen und so wurden die Friseursalons noch vor den Schulen wiedereröffnet. Die Begründung, die ausgerechnet ein männlicher Politiker dafür vorbrachte, war, Haare hätten nicht nur mit Hygiene, sondern auch mit Würde zu tun. Das schien mir zunächst sehr übertrieben, doch dann fiel mir der Roman "Der Zopf" wieder ein, ein Debütroman, der in Windeseile zu einem internationalen Riesenerfolg und in fast 30 Sprachen übersetzt wurde. So kam ich dazu, dieses Buch zu lesen, in dem die Autorin Laetitia Colombani in drei Geschichten zeigt, dass Haare tatsächlich eine ganz große Rolle spielen können, z.B. wenn sie durch eine Chemotherapie ausfallen oder in einem Tempel geopfert werden.

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken (2014)

Israel ist derzeit durch seine effiziente Impfkampagne in aller Munde und viele richten den Blick auf dieses kleine Land mit seinem modernen Gesundheitssystem. So fiel mir dieser Roman auf, dessen Protagonist Etan Grien ein israelischer Neurochirurg ist. Er fährt nach einem langen Tag in der Klinik eines Nachts einen Mann aus Eritrea an. Dieser illegale Einwanderer wird sterben, wie Etan mit geübtem Blick sofort sieht, und keiner hat den nächtlichen Unfall beobachtet - zumindest scheint es so. Etan begeht Fahrerflucht, doch am nächsten Morgen steht die Frau des Eritreers vor seiner Tür und erpresst ihn. Er soll nachts Flüchtlinge in einer alten Werkstatt medizinisch versorgen oder sie wird seine Tat anzeigen. Etans Leben droht aus den Fugen zu geraten. 

Ralf Rothmann, Hotel der Schlaflosen: Erzählungen (2020)

Auch nach einem Jahr Corona sprechen viele Menschen davon, dass sie Angst haben: Angst vor Ansteckung, vor wirtschaftlichen Verlusten oder immer neuen Mutationen mit unabsehbaren Auswirkungen auf unseren Alltag. Da fiel mir neulich dieser Erzählband von Ralf Rothmann zum Thema Angst in die Hände.

Diese Geschichten lassen den Leser nicht kalt. Sie gehen unter die Haut, gerade weil wohl jeder das Gefühl der Angst kennt, ob aus Kindertagen oder aus Ausnahmesituationen im Erwachsenenleben. Rothmann gelingt es, elf verschiedene Ängste so zu beschreiben, dass sofort spürbar ist, was die betroffenen Personen durchmachen. Dabei spannt er den Bogen von der Stalinzeit in der besonders erschütternden Titelgeschichte bis zur Jetztzeit.