Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Emily St. John Mandel , Das Licht der letzten Tage/Station Eleven (2014)

In der Zeit zwischen den Jahren, in denen außer Verwandtentreffen oft wenig passiert ist, war mir nach Spannung und Aufregung, so dass ich nach diesem bekannten Titel griff. Das Ziel, die Zeit zwischen diversen Familienterminen kurzweilig zu überbrücken, habe ich damit bestens erreicht. Diese postapokalyptische Geschichte kann aber viel mehr.

Die Kanadierin Emily St. John Mandel beginnt ihr hocherfolgreiches Werk auf einer Bühne, wo ein bekannter Schauspieler mitten in einem Shakespeare-Stück zusammenbricht und stirbt. Danach geht die Welt fast unter, denn ein Grippe-Virus vernichtet in ganz kurzer Zeit 99% der Erdbevölkerung.

Vicky Baum, Vor Rehen wird gewarnt (1954)

Wer liest heute noch Vicky Baum? Sicher nicht mehr viele, und ich hatte mich auch bis vor kurzer Zeit nie mit dieser Autorin beschäftigt, die ich nur von "Menschen im Hotel" kannte. Dabei war die Österreicherin in der Weimarer Republik sehr bekannt und erfolgreich. Sie wanderte 1932 in die USA aus, schrieb dann auf Englisch und geriet in Deutschland fast in Vergessenheit. Zu ihrem sechzigsten Todestag erschien dieser Roman in einer Neuausgabe. 

Es werden fast 50 Jahre aus dem Leben der zart und zerbrechlich wirkenden, dabei jedoch äußerst berechnenden und egoistischen Angelica Ambros erzählt. Ann, das hübsche "Reh", wird in ihrer Kindheit und Jugend verhätschelt und ihr Manipulationstalent nur von wenigen Menschen durchschaut. Als ihre Schwester Maud ausgerechnet von dem von ihr angehimmelten Wiener Geigenvirtuosen Florian geheiratet wird, beginnt sie eine jahrelange Intrige. 

Tove Ditlevsen , Die Kopenhagen-Trilogie (1967 - 1971)

Die drei schmalen Bände der Lebensgeschichte von Tove Ditlevsen liegen schon seit einer ganzen Zeit in den Buchhandlungen und werden viel besprochen. So machte ich mich in diesem Jahr daran, zunächst "Kindheit", nach einigen Wochen "Jugend" und mit einem Abstand von mehreren Monaten "Abhängigkeit" zu lesen. Die Tristesse der Kindheit ohne Liebe in einem Armenviertel Kopenhagens hatte mir so zugesetzt, dass ich erst einmal eine kleine Pause brauchte. Der zweite Band zeigte dann das gleiche trostlose Bild einer begabten Frau, die sich immer mit den falschen Männern verband. In "Abhängigkeit" wird sie dann zu allem Überfluss auch noch medikamentensüchtig. 

Andrea Grill, Cherubino (2019)

Bei allem, was uns seit dem vergangenen Jahr bezüglich Politik und Gesundheit umtreibt, treten private Themen eher in den Hintergrund. Um dem bewusst entgegenzuwirken, griff ich neulich nach diesem Roman über eine schwangere Opernsängerin. Die österreichische Autorin Andrea Grill ist eine vielseitig begabte Frau mit international erworbener Erfahrung auf so unterschiedlichen Feldern wie Biologie und Linguistik. Als Vorbereitung auf diesen Roman hat sie intensive Gespräche mit Opernsängerinnen geführt, um sich in die Welt der Oper und der Stimme einzufühlen, was ihr hervorragend gelungen ist.

Gaspard Koenig, Das Ende des Individuums/La fin de l'individu (2019)

Der junge Pariser Philosoph Gaspard Koenig ist auch in Deutschland vielen als Vertreter des französischen Liberalismus bekannt, nicht zuletzt wegen seiner Reise zu Pferd von Bordeaux nach Rom auf den Spuren Montaignes im vergangenen Jahr. Er wählte für diesen langen Ritt bewusst ein Navigationssystem, das sich nicht lokalisieren lässt, womit wir beim Thema sind. Koenig ist ein politischer Mensch und überzeugter Europäer mit klar ausgeprägter liberaler Grundausrichtung. Dementsprechend heißt der von ihm gegründete Think Tank „Génération libre“.