Auch nach einem Jahr Corona sprechen viele Menschen davon, dass sie Angst haben: Angst vor Ansteckung, vor wirtschaftlichen Verlusten oder immer neuen Mutationen mit unabsehbaren Auswirkungen auf unseren Alltag. Da fiel mir neulich dieser Erzählband von Ralf Rothmann zum Thema Angst in die Hände.

Diese Geschichten lassen den Leser nicht kalt. Sie gehen unter die Haut, gerade weil wohl jeder das Gefühl der Angst kennt, ob aus Kindertagen oder aus Ausnahmesituationen im Erwachsenenleben. Rothmann gelingt es, elf verschiedene Ängste so zu beschreiben, dass sofort spürbar ist, was die betroffenen Personen durchmachen. Dabei spannt er den Bogen von der Stalinzeit in der besonders erschütternden Titelgeschichte bis zur Jetztzeit.

Rothmann ist gelernter Maurer und schlug sich über Jahre mit Gelegenheitsjobs durch, bis seine ersten Werke erschienen. Mittlerweile ist er ein vielfach ausgezeichneter und anerkannter Romanautor und legt immer wieder sehr gelungene Erzählbände vor. Dabei geht es ihm nicht um abgehobenes Schreiben, sondern er ist den handelnden Personen ganz nah und bindet viele Elemente seiner Biographie mit ein wie etwa seine Kindheit in schlichten Verhältnissen im Ruhrgebiet oder sein Leben in Berlin.

Das Besondere an diesen Spielarten der Angst ist der große Bogen, den er historisch, thematisch und geographisch spannt. Wo sonst finden sich die Erlebnisse eines Kindes im Ruhrgebiet der 60er Jahre so nahe denen einer sterbenskranken Musikerin im heutigen Berlin oder eines Professors in Mexiko? Rothmann stellt alle diese Figuren so lebhaft vor, dass wir darüber unsere eigenen Ängste relativieren oder gar vergessen können. 

(12.03.2021)