Israel ist derzeit durch seine effiziente Impfkampagne in aller Munde und viele richten den Blick auf dieses kleine Land mit seinem modernen Gesundheitssystem. So fiel mir dieser Roman auf, dessen Protagonist Etan Grien ein israelischer Neurochirurg ist. Er fährt nach einem langen Tag in der Klinik eines Nachts einen Mann aus Eritrea an. Dieser illegale Einwanderer wird sterben, wie Etan mit geübtem Blick sofort sieht, und keiner hat den nächtlichen Unfall beobachtet - zumindest scheint es so. Etan begeht Fahrerflucht, doch am nächsten Morgen steht die Frau des Eritreers vor seiner Tür und erpresst ihn. Er soll nachts Flüchtlinge in einer alten Werkstatt medizinisch versorgen oder sie wird seine Tat anzeigen. Etans Leben droht aus den Fugen zu geraten. 

Schon der erste Roman der jungen Psychologin Ayelet Gundar-Goshen war sehr erfolgreich und auch dieses Buch beginnt ausgesprochen stark. Bei der Lektüre hatte ich die ganze Zeit den Eindruck, ein Drehbuch zu lesen, bis mir klar wurde, dass die Autorin auch Film und Drehbuch studiert hat. 

Es geht im Grunde um die Frage, wie man selbst in dieser Situation reagiert hätte, in der ein kurzer Moment eine Karriere ebenso gefährdet wie eine ganze Familie. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: aus der Sicht des Arztes, aus der seiner zunächst ahnungslosen, aber zunehmend Verdacht schöpfenden Ehefrau Liat und  schließlich aus der der Flüchtlingswitwe Sirkit. Umso bedauerlicher finde ich, dass der Roman sich zeitweilig mit einer wenig überzeugenden Liebesgeschichte ebenso verheddert wie mit Flüchtlings- und Drogenthemen, als ob der starke Gewissenskonflikt nicht ausreichend Stoff böte. Schade auch, dass viele Alltagsdetails immer wieder den Blick auf den drohenden Absturz Etans versperren. Denn eigentlich ist dies für mich ein hochspannender Stoff, den ich trotz des nicht überzeugenden Endes gerne all denen empfehle, die auch mal harten Tobak vertragen, besonders wenn sie sich zudem für Medizin interessieren. 

(16.03.2021)