Dass im Jahr 2020 der Deutsche Buchpreis an ein Epos, zudem an ein „Heldinnenepos“, ging, fand ich so bemerkenswert, dass ich das Buch der seit langem in Frankreich lebenden Deutschen Anne Weber gerade gelesen habe. Beim Lesen wurde mir sofort klar, was auch die Kritik allgemein lobt: Es handelt sich hier um das sehr ungewöhnliche und lange Leben einer real existierenden Person, das in Versform ohne Reim in einer originellen freien Sprache mit Einschüben, Fragen und Unterbrechungen dargestellt wird.

Anne Weber kennt die Heldin Anne Beaumanoir persönlich und hat die mittlerweile über Neunzigjährige mehrfach getroffen. Sie ist zweifelsohne eine ausgesprochen mutige Frau, die schon mit 19 in die Résistance gegen die deutschen Besatzer eintritt und Juden vor dem Tod rettet. Sie verliert noch im Krieg den Vater ihres ersten Kindes, das sie abtreiben lässt.

Nach dem Krieg scheint sich ihr Leben zunächst zu beruhigen. Sie wird Ärztin, heiratet und bekommt zwei Kinder. Statt ein bürgerliches Leben in Marseille zu führen, geht sie jedoch nach Algerien, schließt sich der Befreiungsfront FLN an und ist wieder vielen Gefahren ausgesetzt. Große Unsicherheit, Entfernung von ihrer Familie und weitere Schicksalsschläge bleiben ihr nicht erspart. Es kommt zu Verhaftung, Verurteilung, Flucht, einem politischen Amt nach dem Algerienkrieg, erneuter Flucht nach einem Staatsstreich und schließlich zur Rückkehr nach Frankreich.

Das Buch wurde viel besungen und eingeordnet unter anderem als Beitrag zur deutsch-französischen Geschichte. Dennoch sprang bei mir beim Lesen kein Funke über, weil ich die Sprache gekünstelt fand. Ich kann diese Lektüre jedoch neben geschichtlich Interessierten auch jenen empfehlen, die sich mehr Mut wünschen und selbst gerne aufbegehren würden, wenn sie mit Ungerechtigkeit konfrontiert werden. 

(21.05.2021)