Zeruya Shalev, Späte Familie (2005)

Ein Buch aus Israel scheint mir geboten in diesen Zeiten und Zeruya Shalev stand schon länger auf meiner Liste. So habe ich mir neulich diesen sehr umfangreichen Roman vorgenommen, in dem eine Frau sich plötzlich von ihrem Mann trennt und damit das Leben dreier Menschen auf den Kopf stellt. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Auf der einen Seite legt die erfolgreiche israelische Autorin Zeruya Shalev  hier die Geschichte einer starken Frau vor, die plötzlich entscheidet, ihrer unfrohen und konfliktreichen Ehe ein Ende zu setzen. Sie wirft ihren Mann förmlich aus der gemeinsamen Wohnung, die sie mit ihrem kleinen Sohn weiter bewohnen will. Darüber hinaus leistet der Roman jedoch mehr: Auch Historiker und Archäologen unter den Lesern kommen auf ihre Kosten aufgrund zahlreicher Referenzen und Vergleiche. Im Hintergrund tauchen darüber hinaus immer wieder Hinweise auf die instabile politische Lage in Israel auf.

Die Ich-Erzählerin ist nur kurze Zeit erleichtert, dem aufreibenden, erschöpfenden Rhythmus ihrer Ehe entkommen zu sein, als sie sich überraschend schnell wieder verliebt. Auch hier ergibt sich alsbald eine neue, wiederum problematische Konstellation, eine Patchwork-„Familie“ mit mehreren Spielern, die sich diese Situation so nicht ausgesucht haben. Es bleibt also sehr komplex. 

Das eigentlich Besondere an diesem dramatisch aufgeladenen Roman ist für mich nicht so sehr das aufgewühlte Gefühlsleben der Ich-Erzählerin Ella im Kampf um das Wohlergehen ihres Sohnes Gili und ihr eigenes Glück, sondern es sind die messerscharfen Formulierungen und unglaublich treffenden Metaphern, mit denen Shalev die Handlung veranschaulicht. Dabei verlangt ihr hochgradig detaillierter Stil, in dem sich die Erzählzeit passagenlang mit der erzählten Zeit deckt, selbst dem geduldigen Leser einiges ab. Dennoch lohnt es sich, bis zum Schluss durchzuhalten und zu sehen, ob es Hoffnung für das neue Paar auf eine später Familie gibt. 

(08.12.2023)