Peter Stamm, Agnes (1998)

In seinem postmodernen Debütroman "Agnes" fällt der Schweizer Autor Peter Stamm sofort mit der Tür ins Haus. Die beiden Hauptfiguren werden direkt genannt und das Ende wird vorweggenommen. Auch das Thema des gemeinsamen Wohnens eines Paares in Chicago wird gleich angeschnitten. In der Wohnung wird ein Großteil der 36 kurzen Kapitel über die 25-jährige Physikdoktorandin Agnes und den 40-jährigen, namenlosen Ich-Erzähler spielen. Was ist seit dem ersten Aufeinandertreffen der beiden und dem seltsamen, plötzlichen Verschwinden der jungen Frau passiert?

Der Leser erfährt auf wenigen Seiten, wie die Zwei sich kennenlernen, ein Paar werden, zusammenziehen und neun Monate zusammen leben. Dabei ist die Kommunikation zwischen den beiden seltsam unpersönlich, abgehackt, unsentimental und oft schroff. Sie geben wenig von sich preis und wirken distanziert.

Das eigentlich Interessante scheint mir, wie Wirklichkeit und Geschichte sich immer enger verweben. Oft ist unklar, ob etwas nur im Buch geschieht, das der Ich-Erzähler, ein Sachbuchautor aus der Schweiz, über Agnes schreibt, oder ob es erst passiert und er es dann festhält. Die Grenzen zerfließen in dem Maße immer mehr, in dem Agnes nach einer Fehlgeburt zunehmend keinen Sinn mehr in ihrem Leben sieht.

Das Besondere an Stamms Buch ist genau diese Vermischung von Werk und Wirklichkeit. Das kann nicht gut ausgehen und so ist das Ende abrupt und eigenartig offen, denn klar ist nur, dass Agnes verschwunden ist.

Nach der Botschaft seines Romans befragt, äußerte sich Stamm in einem Interview ausweichend. Er wolle sich nicht auf eine Interpretation festlegen und wünsche sich, dass sein Buch zu möglichst konstruktiven Diskussionen führen möge. Wer Stamm darin folgen möchte, dem sei "Agnes" empfohlen. 

(09.02.2024)