Mittlerweile geht mir das weitverbreitete „Narrativ“ von der Spaltung der Gesellschaft so auf die Nerven, dass ich sofort zugegriffen habe, als ich von diesem Buch zu Nachsicht als möglicherweise verändernder Kraft hörte. Und siehe da: Hier wird unsere Gesellschaft mal einmal nicht als egoistisch, unversöhnlich und unkommunikativ beschrieben. Schon auf den ersten Seiten geht es um ein Experiment in einer U-Bahn, d.h. die Frage, ob über einen kurzen Zeitraum dort mehr rücksichtslose oder -volle Menschen zu zählen sind. Gespannt auf das Ergebnis?
Das Experiment des Münchner Psychotherapeuten Haghiri zeigt ein eindeutiges Überwiegen rücksichtsvoller Handlungen. Wie kommt es, dass sich trotz der immer wieder beobachteten und auch wissenschaftlich nachgewiesenen Hilfsbereitschaft der meisten Menschen das Bild der verrohenden Gesellschaft in unseren Köpfen festgesetzt hat? Haghiri führt das gängige negative Menschenbild zurück auf frühe, aus seiner Sicht einseitig und oberflächlich analysierte psychologische Studien und literarische Erfolge wie Goldings Herr der Fliegen (1954) oder Burgess‘ A Clockwork Orange (1962). Auch die Presse und vor allem die neuen Medien bekommen ihr Fett weg, denn natürlich verkaufen sich – möglichst reißerische - Spielarten von homo homini lupus besser als der Blick auf Hilfsbereitschaft und rücksichtsvolles Handeln. Menschliche Abgründe scheinen zu faszinieren, denn Krimis aller Art sind Verkaufsschlager und der Sonntagsmord im Tatort beschließt das Wochenende.
Was also tun, um die Perspektive zu verändern? Haghiri empfiehlt neben empathischen Vorbildern und dem stärkeren Bewusstsein eigener Wahrnehmungsfehler das Lesen vor allem von Belletristik, um Dinge durch die Brille anderer Menschen zu sehen. Spätestens hier wird klar, dass ich diesem ungewöhnlichen Buch nur einen ganz großen Erfolg wünschen kann.
(03.05.2024)