Seit einem Jahr ist vieles anders, auch die Wahrnehmung des Friseurhandwerks in der Öffentlichkeit. Jedenfalls wird sehr viel darüber gesprochen und so wurden die Friseursalons noch vor den Schulen wiedereröffnet. Die Begründung, die ausgerechnet ein männlicher Politiker dafür vorbrachte, war, Haare hätten nicht nur mit Hygiene, sondern auch mit Würde zu tun. Das schien mir zunächst sehr übertrieben, doch dann fiel mir der Roman "Der Zopf" wieder ein, ein Debütroman, der in Windeseile zu einem internationalen Riesenerfolg und in fast 30 Sprachen übersetzt wurde. So kam ich dazu, dieses Buch zu lesen, in dem die Autorin Laetitia Colombani in drei Geschichten zeigt, dass Haare tatsächlich eine ganz große Rolle spielen können, z.B. wenn sie durch eine Chemotherapie ausfallen oder in einem Tempel geopfert werden.

Haare sind das verbindende Element dieses sehr ungewöhnlichen Buchs, das in Indien, Kanada und Italien spielt. Drei vollkommen unterschiedliche Frauenschicksale werden vorgestellt und in drei Erzählsträngen miteinander verflochten. Das ist das eigentlich Überzeugende für mich an diesem kurzen Roman: Wie in einem Zopf werden alle Stränge verfolgt und daraus wird zum Schluss ein überraschendes Gesamtwerk.

Natürlich könnte man sagen, dass hier die handelnden Frauen zu Heldinnen erhoben werden und die eigentlich dahinterstehenden gesellschaftlichen und sozialen Themen nur angerissen werden. Man kann aber auch einfach gebannt die drei Geschichten verfolgen und sich dabei sehr gut unterhalten fühlen. - Eine weitere Geschichte mutiger Frauen, die in schwierigen Lebenssituationen unbeirrt ihren Weg gehen, erzählt Colombana in ihrem zweiten Roman Das Haus der Frauen / Les Victorieuses (2019). Nicht nur die Geschichte ist ähnlich und das Thema der letztendlich siegreichen Frau wiederholt sich, sondern auch das Nebeneinanderstellen verschiedener Frauen, die ein Thema verbindet, sowie der Umfang sind ähnlich. Dieses zweite Buch lohnt sich aus meiner Sicht nicht, aber das hocherfolgreiche Erstlingswerk kann ich vor allem Frauen in Krisen durchaus ans Herz legen. 

(09.04.2021)