Der junge Pariser Philosoph Gaspard Koenig ist auch in Deutschland vielen als Vertreter des französischen Liberalismus bekannt, nicht zuletzt wegen seiner Reise zu Pferd von Bordeaux nach Rom auf den Spuren Montaignes im vergangenen Jahr. Er wählte für diesen langen Ritt bewusst ein Navigationssystem, das sich nicht lokalisieren lässt, womit wir beim Thema sind. Koenig ist ein politischer Mensch und überzeugter Europäer mit klar ausgeprägter liberaler Grundausrichtung. Dementsprechend heißt der von ihm gegründete Think Tank „Génération libre“.

Worum geht es also in seinem 400 Seiten starken Werk zur künstlichen Intelligenz, das nicht etwa total verkopft daherkommt, sondern ebenso klar und verständlich wie modern und oft auch humorvoll geschrieben ist? Koenig hat eine Weltreise unternommen, um mit 125 Experten über künstliche Intelligenz, ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft und die mit ihr verbundenen Risiken für die individuelle Freiheit zu sprechen. Er traf sich dabei zwischen Oxford und Tel Aviv, Washington und Kopenhagen, San Francisco und Peking mit Professoren, Intellektuellen, Politikern, Künstlern und Ökonomen.

Über weite Strecken erschrickt der Leser darüber, wie freiwillig und unreflektiert die Menschen offenbar täglich bereit sind, Daten über sich preiszugeben. Besonders der Blick auf China und die Aussagen der chinesischen Gesprächspartner, die er den Grundüberzeugungen der USA und Europas gegenüberstellt, sind zumindest sehr ernüchternd, wenn nicht erschütternd. Zum Schluss zeigt er Licht am Ende des Tunnels, aber nur, wenn wir selbst aktiv werden und unsere (Daten-)Freiheit verteidigen.

Ich kann diesen Titeln allen empfehlen, die sich ganz grundsätzlich mit künstlicher Intelligenz und die mit ihr bereits bestehenden oder schlimmstenfalls noch zu befürchtenden Veränderungen befassen möchte. Eins ist klar: nach dieser Lektüre geht der Leser anders mit seinen Daten um.

(05.11.2021)