Als ich mich gestern über die Ablehnung einer Impfpflicht für Menschen ab 60 Jahren ärgerte, fiel mir ein, dass ich mir vor einiger Zeit vorgenommen hatte, Alexander von Schönburg hier vorzustellen mit seiner Betrachtung von 27 (!) altmodischen Tugenden für heute. In einer Gesellschaft, die sich offenbar - wie in vielen westlichen Ländern - hauptsächlich der Selbstoptimierung und der Verfolgung eines meist nicht näher definierten Freiheitsbegriffs verschrieben hat, scheint jeder Schritt im Sinne des Gemeinwohls eine Zumutung und dafür ist die gestrige Fehlentscheidung ein weiterer Beweis.
Der Journalist und Adelige von Schönburg beschäftigt sich auf 360 Seiten mit dem Verfall der Sitten in der Freizeitgesellschaft, den er z.B. an Klatsch, Tratsch und Pöbelei im Internet festmacht. Das klingt nicht sehr aufbauend, ist aber aufgrund der flotten Schreibe des Autors, der schließlich auch für die Bild-Zeitung arbeitet, eine sehr unterhaltsame und lehrreiche Lektüre. Am Ende jedes Kapitels findet sich eine Antwort auf die Frage "Was geht's mich an?". So fasst er beispielsweise seine Erläuterungen zur Tugend der Klugheit als Bereitschaft zusammen, Neues dazuzulernen.
Er beruft sich in seinen Überlegungen auf die Wertvorstellungen der Antike, christliche Moraltheologie und das Rittertum im Mittelalter. Es gibt für ihn - damals wie heute - Regeln und Autoritäten, ohne die ein geordnetes Leben nicht vorstellbar ist, weil eben nicht immer alles geht, nur damit wir es schön bequem haben. Zudem ruft er zu mehr Ruhe auf und nicht etwa zu mehr Effizienz. Für ihn soll das Ziel sein, sich auf Wesentliches und Wichtiges zu konzentrieren, statt möglichst viel gut zu organisieren.
Manche Passagen erscheinen etwas schnöselig, drehen sich sehr um die Welt des Adels und lassen keine Gelegenheit aus, auf die Bekanntschaft mit Prominenten zu verweisen. Dennoch nimmt der Leser mit, dass er selbst aktiv werden muss, wenn er wieder mehr Höflichkeit und stärkeren Gemeinsinn erleben will. Insofern empfehle ich dieses ungewöhnliche Buch allen, die nach Möglichkeiten suchen, gerade in schwierigen Zeiten wie diesen die Gesellschaft durch kleine Schritte in eine positive Richtung zu verändern.
(08.04.2022)