Haruki Murakami, Untergrundkrieg: Der Anschlag von Tokio (1997)

Als mir dieses Buch vor einigen Wochen in die Hände fiel, wollte ich mich zunächst angesichts all dessen, was uns die Medien derzeit bieten, nicht mit einem weiteren Horrorszenario beschäftigen. Als ich dann aber las, dass es um Interviews zum Giftgas-Anschlag in der Tokioter U-Bahn 1995 ging, war mein Interesse geweckt: Wie reagierten die Menschen auf diese traumatisierende Erfahrung und wie veränderte sich ihr Leben durch sie? 

Murakami schreibt eingangs, er wolle möglichst realistisch wiedergeben, wie die Opfer den Anschlag erlebt hätten, und verzichtet auf eine literarische Aufarbeitung der Antworten. Er führte seine Gespräche sowohl mit Hinterbliebenen einiger Todesopfer als auch mit Verletzten und sogar mit Mitgliedern der für den Anschlag verantwortlichen Aum-Sekte. Für den westlichen Leser wirken die Antworten zum Teil nicht nur ausgesprochen nüchtern, sondern sehr distanziert und abgeklärt. Hier kommen kulturelle Unterschiede zum Vorschein, die durch Murakamis oft recht hölzernen Fragen noch verstärkt werden. 

Nebenbei erfährt der Leser einiges zum Alltag in Tokio, zur Enge in der Stadt und zu den extrem weiten Distanzen, die viele Pendler täglich zurücklegen müssen. Darüber hinaus beschreiben einige Opfer, wie stoisch sich ihre Mitreisenden in der Ausnahmesituation zeigten, wenn sie nicht unmittelbar betroffen waren. 

Sicher wäre es möglich gewesen, den Leser durch einen etwas packenderen Stil mehr in das Geschehen einzubinden. Dennoch kann sich das Buch für diejenigen lohnen, die selbst oder in ihrem Umfeld eine traumatisierende Erfahrung verarbeiten müssen.

(03.06.2022i