Was für eine packende Milieustudie, die eine 28-Jährige hier vorlegt! Die Geschichte einer alkoholkranken Mutter, die ihrer älteren Tochter Tilda schon sehr jung die Verantwortung für ihre kleine Schwester Ida überträgt, ist so trist wie menschlich und die Heldin so stark, dass der 200-Seiten-Roman zu einem riesigen Überraschungserfolg und schnell mehrfach ausgezeichnet wurde.
Tilda studiert Mathematik und betrachtet ihr sehr forderndes Leben meistens rational und nüchtern. Die fast tägliche Fahrt ins Schwimmbad hilft ihr dabei und ist immer eine kleine Flucht, denn es geht ihr eher ums Abtauchen als ums Schwimmen. Als der wortkarge Viktor, ebenfalls ein Schwimmer, in ihr Leben tritt, erinnert manches an "Tschick", was die ländliche Atmosphäre angeht, in der die Jugendlichen ihren Weg suchen. Die frische, schnörkellose Sprache jedoch hebt "22 Bahnen" deutlich von anderen Coming-of-age-Romanen ab. Originelle Ideen wie Ratespiele an einer Supermarktkasse und die abendliche Bewirtung im mütterlichen Haushalt als Indikator für den Alkoholpegel der Mutter machen das Buch zudem ungewöhnlich.
Caroline Wahl berichtete in Interviews, sie habe ihr Buch in drei Monaten einfach runtergeschrieben. Der zweite Roman, in dem es um die dann nicht mehr so kleine Schwester Ida geht, kam schon ein Jahr später unter dem Titel "Windstärke 17" heraus. Da erscheint die Hoffnung berechtigt, dass noch viel mehr kommen kann.
(28.06.2024)