Ein Roman über die Kraft des Lesens, über die Möglichkeiten, mit dem richtigen Buch neue Perspektiven aufzuzeigen und neue Wege zu gehen – das klingt alles sehr verlockend. Dennoch ist dieser japanische Supererfolg für mich einer der flachsten Romane seit Jahren. Zudem ist er nach meinem Dafürhalten in einer sehr schlichten Sprache verfasst, die man kaum der Übersetzerin Sabine Mangold ankreiden kann, die seit Jahrzehnten japanische Literatur ins Deutsche überträgt. Woher also dieser Erfolg? Was finden so viele in und an diesem Buch?
In fünf Episoden wird nach dem immer gleichen Schema erzählt, wie eine Bibliothekarin in einem Gemeindezentrum Menschen ein Buch empfiehlt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen mit ihrem derzeitigen Leben unzufrieden sind und allein keinen Ausweg finden. Die Bibliothekarin stellt dabei immer dieselbe schlichte, aber offenbar viele Leser sehr ansprechende Frage: „Wonach suchen Sie?“ Die Empfehlungen sind nicht etwa Fachbücher, sondern zur Verblüffung der Bibliotheksbesucher z.B. ein Kinder- oder ein Botanikbuch. Die empfohlenen Bücher führen jeweils zu grundlegenden Veränderungen im Leben der hilfesuchende Leser, die der Bibliothekarin für immer dankbar sein werden.
Für dieses – sagen wir – wenig komplexe Werk fanden sich bereits in über 20 Ländern Leser in vielen verschiedenen Sprachen und es wurde 2023 auf die 100-Must-Read-Liste der TIME gesetzt. In Buchhandlungen liegen Stapel des Buchs mit dem gefälligen bunten Deckblatt. Möglicherweise gehört es in den Bereich Wohlfühl-Literatur, mit dem Menschen sich aus dem Alltag verabschieden, um Antworten auf ihre Sinnkrisen zu finden? Der Erfolg scheint der Autorin recht zu geben. Ich jedenfalls finde diesen Roman nur insofern bemerkenswert, als er mit ganz einfachen Mitteln das schafft, was heute selbst Weltliteratur eher selten gelingt, nämlich viele zu begeistern.
(18.07.2025)