Wir bewegen uns auf eine Gesellschaft mehrheitlich alter Menschen zu und bald wird es in Deutschland aussehen wie in Japan. Der kürzlich veröffentlichte Geburtenrückgang wird diese Entwicklung noch verstärken. Damit die Gesellschaft nicht zu einer reinen Welt von Urlaubern und Arztgängern wird, braucht es Menschen, die auch in fortgeschrittenem Alter Ungewohntes und Neues tun, Menschen wie Jane Campbell also.
Als Jane Campbells erstes Buch, 13 Kurzgeschichten unter dem Titel Cat Brushing, erschien, war sie 80. Wer nun etwa 13 konventionelle Geschichten erwartet, wird verblüfft von den völlig unterschiedlichen Frauen im Buch lesen. Es geht nicht etwa um gefällige Garten-, Natur- oder Reiseszenen, garniert mit etwas Familiengeschichte und eventuell noch dem ein oder anderen Rezept. Weit gefehlt. Hier geht es um Frauen, die über lange Phasen ihres Lebens Erwartungen erfüllt haben und nun dieses enge Korsett abstreifen. Jane Campbell hat jahrzehntelang als Psychoanalytikerin gearbeitet, so dass ihr nichts Menschliches fremd ist. Ihre Einblicke lässt sie in ihre Geschichten einfließen, die übrigens durchaus nicht nur für Frauen lesenswert sind.
Viele der Heldinnen treffen erstmals im Leben selbst eine weitreichende Entscheidung, und das oft mit drastischen Folgen für sie selbst oder ihr Umfeld. Alle stellen sich der Reflektion über ihr Leben und fragen sich, ob das schon alles gewesen sein soll, oder ob das Alter eventuell noch neue Chancen für sie bereithält. Oft kippt die Handlung plötzlich ins Unheimliche um und es wird Bösartiges geplant.
Campbell setzt sich mit der Darstellung ihrer Heldinnen ganz bewusst vom leider gängigen Bild der harmlosen, im Alltagseinerlei gefangenen alten Frau ab, die sich mit Aquarellieren und Enkelbetreuung die Tage vertreibt. Ihre Protagonistinnen haben nicht nur einen ganz eigenen Kopf, sondern auch ausdrücklich emotionale und erotische Bedürfnisse. Es ist ein ungewöhnliches und zudem meines Erachtens gut geschriebenes Buch voller Überraschungen, das den Blick schärft für eine Altersgruppe, die oft unterschätzt wird.
(12.06.2026)