Sie ist sicherlich eine der bekanntesten deutschen Juristinnen überhaupt und hat im Laufe ihres Berufslebens soviel erreicht und war so häufig die erste Frau in ihren Positionen, dass ich mir sofort ein Exemplar ihrer gerade erschienenen Biografie besorgt habe. Das sollte sich als sehr gute Idee herausstellen.
Nach Abitur und Jurastudium in Berlin - beides für eine Frau Jahrgang 34 ungewöhnlich - Juraprofessorin, Justizsenatorin, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Präsidentin des Goethe-Instituts und später dann noch Vorsitzende der Limbach-Kommission, die sich mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts befasste - ein Leben voller großer Herausforderungen und Erfolge, aber auch voller Kritik und ständig begleitet von Aktenbergen. Zudem war sie Mutter von drei Kindern, denen im damals noch provinziellen Bonn mancher eine triste Zukunft vorhersagte angesichts der meistens abwesenden und immer vielbeschäftigten Mutter. Das Gegenteil war der Fall.
Nach vielen Gesprächen mit Familienmitgliedern, Wegbegleitern und Freunden und nach der Sichtung umfangreichen persönlichen Materials, der Tagebücher und zahlreicher Fotos zeichnet die Geschichtsprofessorin Budde den Weg Jutta Limbachs verständlich und gut lesbar nach. Auch Nichtjuristen wird die Brisanz vieler Aufgaben klar, denen Limbach sich stellen musste: der Umgang mit RAF-Gefangenen, die Behandlung von Ostberliner Juristen nach dem Mauerfall, der Kriegseinsatz von Bundeswehrsoldaten in Bosnien und Somalia und damit das Ende der außenpolitischen Zurückhaltung Deutschlands etc. Bei der Tragweite dieser und unzähliger weiterer Themen ging es Jutta Limbach immer darum, den Bezug zum realen Leben im Land herzustellen und nicht zu abgehoben und unverständlich zu formulieren.
Dies ist auch die Geschichte eines Menschen, der vielfach zunächst unterschätzt wurde. Jutta Limbach war mit 1,60 m selbst für eine Frau ihrer Generation klein. Zudem war sie stets freundlich, herzlich und höflich. Solche Menschen werden oft zunächst in die Schublade "harmlos" gesteckt, was in ihrem Fall komplett falsch war. Sie selbst fragte Journalisten gerne: "Glauben Sie, dass ich mit Nettigkeit so weit gekommen wäre?" Sie war eben ein Beweis dafür, dass man zuvorkommend UND hocherfolgreich sein kann.
Es lohnt sich aus meiner Sicht aus vielerlei Gründen, diese Biografie zu lesen. Sie ist auf der einen Seite ein Stück deutscher (Rechts-)Geschichte und stellt auf der anderen Seite dar, wie das Frauenbild in Deutschland sich in den letzten 90 Jahren verändert hat. Schließlich ist Familien- und Geschlechtergeschichte ein Forschungsschwerpunkt der Autorin Budde.
(20.06.2025)