Mit dem Reisen ist es momentan so eine Sache und wir wissen derzeit nicht, was dieses Jahr gehen wird. Sicher möglich ist weiterhin das Bahnfahren und dazu passt der Roman Reisen von 2019. Der Autor Albrecht Selge hat diverse Stipendien und Preise erhalten. Hier legt er eine sehr ungewöhnliche Geschichte vor:

Eine Frau steigt aus ihrem normalen Leben aus und beginnt, im Zug zu wohnen.

Mit ihrer Bahncard 100 und dem Sammeln von Altglas schlägt sie sich durch. Sie hat keinen Namen und fährt jede Woche nach einem genau ausgeklügelten System dieselbe Strecke, ernährt und wäscht sich im Zug oder in Bahnhöfen und macht im Gang gymnastische Übungen. Dass ihr ausgerechnet Kreisverkehre immer wieder ins Auge fallen, macht dem Leser die Sinn- und Ziellosigkeit ihrer wöchentlichen Tour deutlich. Sie trifft einige Menschen auf ihren Fahrten regelmäßig zu gewissen Ritualen, ist ansonsten aber isoliert unterwegs.

Die Idee des Lebens im Zug hat mich zunächst sehr interessiert, aber die spröde Sprache und die Eintönigkeit der Fahrten schnell ermüdet. Dennoch finde ich den schmalen Band empfehlenswert für Leser, die sich gern auf eigenwillige Geschichten einlassen und zudem oft Bahn fahren.

(22.05.2020)