Als Judith Hermann diese Woche erstmals in der Öffentlichkeit aus ihrem neuen Buch vorlas, war das Frankfurter Literaturhaus ausverkauft. Verlagsvertreter und Leser bescherten ihr einen herzlichen Empfang. In ihrer Neuerscheinung geht es um die Geschichte ihres Großvaters, der Mitglied der Waffen-SS und an der Auflösung des jüdischen Ghettos im polnischen Radom beteiligt war. Diese Leerstelle oder dieser blinde Fleck innerhalb der Familiengeschichte erfüllt die Autorin mit einer gewissen Traurigkeit und Unruhe, so dass sie sich aufgemacht hat, um mehr darüber zu erfahren.
Schon in ihrem letzten Buch Wir hätten uns alles gesagt (2024) erfährt der Leser einiges über die Familie der Autorin und ihr unkonventionelles Leben in Berlin. Nun fährt sie nach Polen, um der bislang nicht thematisierten Geschichte ihres Großvaters auf den Grund zu gehen, und findet wenig bis nichts. Sie verbringt isoliert in einer spärlich möblierten Wohnung kalte Wintertage in Radom und beschreibt ihre vorsichtige Annäherung mit dem für sie so typischen Sound und ihrem starken Sinn für Details. Die verschneite, kalte Stadt wird dabei ebenso greifbar wie das Sommerhaus und die Wohnung der Schwester im frühlingsmilden Neapel, wohin sie der zweite Teil ihrer Reise führt.
Während die eine Schwester versucht, sich der dunklen Seite ihrer Familie zu stellen, verdrängt die andere - so wie die Mutter - das Thema fast vollständig und ist im Hier und Jetzt mit ihren beiden Kindern und ihrem Leben in Italien beschäftigt. Dass die jüngere Schwester der Autorin sich als Archäologin beruflich fortwährend mit der Vergangenheit befasst und zudem mit ihrer Familie gerade übergangsweise die noch voll ausgestattete Wohnung einer frisch Verstorbenen bezogen hat, sind kuriose Details.
Judith Hermann wollte sich in der Besprechung ihres neuen Buches nicht darauf festlegen, was von dem, das die Erzählerin darstellt, autobiografisch ist. Sie ließ es bewusst offen wie auch in ihrem letzten Buch. Es geht hier nicht um historische Fakten und Informationen, sondern um dem Umgang mit den Tabus der eigenen Familie. Neben ihrer wunderbaren Sprache macht gerade dieser grundsätzliche Ansatz die Lektüre für mich so besonders.
(13.03.2026)