Ich binde in mein Coachingangebot immer Leseempfehlungen ein und wende mich daher besonders an Menschen, die gerne lesen. An jedem zweiten Freitag stelle ich in meinem Blog ein Buch vor. Das „Freitagsbuch“ kann ein Roman oder ein Fachbuch sein. Alle Bücher verbindet etwas: Sie drehen sich um Themen, die Menschen in Umbruchsituationen beschäftigen.

Bücher wirken inspirierend und die Leser nehmen etwas mit von den beschriebenen Verhaltensweisen, indem sie Ideen aufgreifen oder Fehler vermeiden. Da Literatur immer individuell wirkt, fühlt sich der Leser nicht von jedem Titel gleich stark angesprochen. Ich biete hier eine Auswahl meiner Lektüre an und hoffe, dass dadurch möglichst viele Leser ihre eigene Situation überdenken und in Ansätzen klären. Zudem wünsche ich den Lesern viel Vergnügen mit meiner Auswahl und immer wieder die beruhigende Erkenntnis, dass sie nicht allein dastehen mit ihren Problemen. 

Ich folge meinem persönlichen Bewertungssystem: 

  • 6 Bücher = einfach wunderbar
  • 5 Bücher = unbedingt lesenswert für eine bestimmte Lesergruppe
  • 4 Bücher = interessant für eine bestimmte Lesergruppe
  • 3 Bücher = nischig, nur für eine bestimmte Lesergruppe
  • 2 Bücher = unterhaltsam, aber nicht mehr
  • 1 Buch = lieber etwas anderes lesen

Ronya Othmann, Die Sommer (2020)

Manche Bücher werden von der Kritik sehr positiv aufgenommen und erhalten diverse Preise. Doch nicht jeder Leser muss das nachvollziehen können. So erging es mir mit dem vielgepriesenen Debütroman von Ronya Othmann Die Sommer, der sich um den Syrienkrieg dreht. 

Leyla, Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdischen Vaters, weiß nicht recht, ob sie eher deutsch oder kurdisch ist. Die Familie bricht jeden Sommer von Bayern aus auf und reist in das Dorf der Großeltern in Nordsyrien, nahe der Türkei.

Richard Russo, Jenseits der Erwartungen/Chances are (2019)

Jahrzehnte nach ihrem Collegeabschluss treffen sich drei Studienfreunde auf Martha’s Vineyard, um gemeinsam ein Wochenende zu verbringen. Sie sind in den vergangenen 45 Jahren ganz unterschiedliche Wege gegangen und für keinen von ihnen ist alles so gekommen, wie er es sich vorgestellt hatte. Alle drei waren bei ihrem gemeinsamen Ausflug im Jahr 1971 in dasselbe Mädchen verliebt, das damals spurlos verschwand.

Marco Balzano, Ich bleibe hier/Resto qui (2017)

Diese Woche war der italienische Nationalfeiertag und es wurde des 75jährigen Bestehens der italienischen Republik gedacht. Das scheint mir ein geeigneter Anlass zu sein, um hier einmal ein Buch aus Italien vorzustellen. Der Mailänder Autor Balzano ist in seiner Heimat ein recht bekannter Schriftsteller, der schon einige Bücher veröffentlicht hat, und unterrichtet italienische Literatur. Auch die Hauptfigur dieses Romans ist Lehrerin, wenn auch in einem Dorf in Südtirol und oft nur heimlich. Denn sie beugt sich nicht den wechselnden Machthabern, weder den Faschisten noch den Nationalsozialisten. Zudem weigert sie sich, die Sprache zu wechseln, die einen großen Teil ihrer Identität darstellt.

Anne Weber, Annette, ein Heldinnenepos (2020)

Dass im Jahr 2020 der Deutsche Buchpreis an ein Epos, zudem an ein „Heldinnenepos“, ging, fand ich so bemerkenswert, dass ich das Buch der seit langem in Frankreich lebenden Deutschen Anne Weber gerade gelesen habe. Beim Lesen wurde mir sofort klar, was auch die Kritik allgemein lobt: Es handelt sich hier um das sehr ungewöhnliche und lange Leben einer real existierenden Person, das in Versform ohne Reim in einer originellen freien Sprache mit Einschüben, Fragen und Unterbrechungen dargestellt wird.

Anne Weber kennt die Heldin Anne Beaumanoir persönlich und hat die mittlerweile über Neunzigjährige mehrfach getroffen. Sie ist zweifelsohne eine ausgesprochen mutige Frau, die schon mit 19 in die Résistance gegen die deutschen Besatzer eintritt und Juden vor dem Tod rettet. Sie verliert noch im Krieg den Vater ihres ersten Kindes, das sie abtreiben lässt.

Andrea Gerk, Lob der schlechten Laune (2017)

Wir leben seit weit über einem Jahr mit vielen Einschränkungen, Verboten, Unsicherheiten und Ängsten. Da ist es nur logisch, dass es um die allgemeine Stimmung nicht gerade bestens steht. So war ich sehr überrascht, als ich neulich auf dieses Buch stieß. Ich konnte mir nicht vorstellen, was an schlechter Laune lobenswert sein soll, liefern wir uns doch täglich gegenseitig viel Anschauungsmaterial, das ich nicht als positiv empfinde. So begann ich die Lektüre skeptisch, aber neugierig.
Die Autorin hat viele Jahre in Wien gelebt, wo sie das "Granteln" kennenlernte, und wohnt jetzt in Berlin, wo offensiv vorgetragener Missmut schon immer als "Berliner Schnauze" verbrämt wurde. Auf fast 300 Seiten wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet und dadurch tatsächlich klar, warum in schlechter Laune auch ein gewisses Potenzial liegen kann.